Apfelbaumpflanzaktion auf der Streuobstwiese im Bruch: Grünen-Sprecher Nikolaus Eberhardt (v. l.), Angelika Sommer (Umweltstammtisch), Streuobstexperte Markus Rösler und Grünen-Landtagskandidat Andre Baumann

Streuobstbau muss landwirtschaftlich rentabel sein

Bündnis 90/Die Grünen – Experte Markus Rösler pflanzt einen Gewürzluiken im Bruch / Einfluss auf Artenbestand / Landtagskandidat Andre Baumann hilft mit

In der Schwetzinger Zeitung vom 22.2.2021 ist folgender Beitrag über unseren Ortsverein erschienen.

Ketsch. Der Gewürzluiken ist eine in Baden-Württemberg weit verbreitete und bekannte Apfelsorte, die in der Region Bodensee-Schwaben ebenso vorkommt wie am Mittleren Oberrhein. Ein solcher Apfelbaum steht nun seit Sonntagnachmittag auch auf der Streuobstwiese im Bruch. Das Areal, das die Gemeinde als Ausgleichsfläche für das Baugebiet hinter der alten Schule angelegt hatte, beherbergt neben Apfelbäumen auch Kirschen, Birnen, Zwetschgen und Mirabellen. Der Umweltstammtisch unter der Projektleitung von Angelika Sommer hatte das Gelände für die Pflanzaktion zur Verfügung gestellt.

Der Sprecher des Grünen-Ortsverbandes Nikolaus Eberhardt hatte alles vorbereitet, damit der Grünen-Landtagskandidat Andre Baumann und der Landschaftsökologe Markus Rösler, ein ausgewiesener Fachmann für Obstanbau, ans Werk gehen konnten. Der 59-jährige Markus Rösler, Grünen-Landtagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Vaihingen /Enz, zeigte den zwei Dutzend Zuschauern, darunter Mitglieder der Bürgerinitiative „Rettet den Entenpfuhl“ mit ihrem Sprecher Heinz Eppel, nicht nur wie man ein Apfelbäumchen setzt, sondern gab auch Tipps für den richtigen Obstbaumschnitt.

Das Thema Streuobst begleitet Rösler seit Geburt: Er wuchs bei Gerlingen am Rande ausgedehnter Streuobstwiesen und mit eigenem Süßmost und Most im Keller auf. Triebe in einer Höhe von 1,80 Metern machen einen Hochstamm aus. Sonst würden Spechte so einen Baum nicht für ihre Bruthöhlen nutzen. Die sogenannte Veredelungsstelle darf nicht in die Erde eingegraben werden. Der Pflanzpfahl muss fest in den Boden gerammt werden. Das ausgehobene Loch sollte mit einem Wühlmausschutz ausgelegt werden, damit die Nager nicht an die Wurzeln rankommen. Die Erde muss gut um die Wurzeln verteilt werden, damit keine Luftlöcher bleiben. Der junge Baum wird mit einem Kokosstrick am Pfahl stabilisiert. Ein Schutz gegen den Verbiss der Rinde durch Hasen und Rehe muss auch sein. Und zum Schluss bekommt der Baum viel Wasser.

Dramatisch zurückgegangen

In Deutschland sind die Streuobstwiesen in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen. Die meisten gebe es noch in Baden-Württemberg, plädierte Rösler für Streuobstbau mittels hochstämmiger Sorten: „Diese besonderen Kulturlandschaften müssen wir schützen. Streuobstwiesen sind ein Kunstprodukt, von uns gemacht, kein Naturprodukt.“ Rösler, seit 1992 Sprecher des Nabu-Bundesfachausschusses Streuobst, wirbt seit jeher für eine gezielte regionale Vermarktung von Obst. Der 59-Jährige, der jedes Jahr seinen eigenen Apfel-Birnen-Quitten-Saft mostet, ging auch auf das Nabu-Qualitätszeichen für Streuobstprodukte ein.

Mehr hochstämmige Obstbäume zu pflanzen, müsse sich auch in der Forderung an den Markt niederschlagen, dafür faire Preise für die Landwirte anzubieten. Der starke Schwund von Streuobstbäumen habe zudem direkten Einfluss auf den Artenbestand. Streuobstbau müsse eine rentable Form der Landwirtschaft sein: „Es lohnt sich, hochstämmige Obstbäume zu pflanzen und zu pflegen.“ Rösler machte einen Exkurs zum „Württembergischen Obstbaumkrieg“. Der sogenannte „Remstalrebell“ Helmut Palmer, der Vater des Tübinger Grünen-OB Boris Palmer, hatte in den 1960er Jahren den aus der Schweiz kommenden „Oeschbergschnitt“ für Apfelbäume als überlegen propagiert und dadurch diesen Zoff im Schwäbischen ausgelöst. Hochstämmige Obstbäume müssten geschnitten werden, um einen zügigen Aufbau des Kronengerüsts zu gewährleisten.

Die ersten Jahre dieses „Erziehungsschnitts“ seien entscheidend. Rösler lobte die „extrem hohe fachliche Kompetenz“ von Andre Baumann: „Und seine Sozialkompetenz brauchen wir in der Politik auch.“ Der Landtagskandidat betonte das Verbindende zwischen Ökologie und Ökonomie sowie das Miteinander von Naturschutz und Landwirtschaft. Die Grünen seien sich der besonderen Verantwortung beim Erhalt der Streuobstwiesen bewusst. Sie böten Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten. Sie leisteten einen wichtigen Beitrag zur gesunden Ernährung. „Wir haben die patriotische Aufgabe, heimischen Saft zu trinken“, meinte Baumann.

Er sei gerne bereit, einen geringen Aufpreis für Streuobstschorle zu bezahlen. Die Landesregierung habe die Streuobstwiesen per Gesetz unter Schutz gestellt. „Wir wollen, dass Bauern mit Naturschutz Geld verdienen“, meinte der Bevollmächtigte des Landes Baden-Württemberg beim Bund. „Von regionalen Produkten wird unser Essen nicht teurer. Kaufen Sie keine billigen Lebensmittel. Unterstützen Sie lieber die heimische Landwirtschaft“, lautete sein Appell: „Die Landwirte brauchen Planungssicherheit und Verlässlichkeit vonseiten des Handels. Wir brauchen eine Bewegung für unsere Heimat.“

Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter unserer Zeitung.
Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter unserer Zeitung. © WIDDRAT

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