Zu viele Eidechsen im Biotop?

FÜNFVIERTELÄCKER: BEI DER GRILLHÜTTE VORGESEHENE AUSGLEICHSFLÄCHEN FÜR DAS GEPLANTE NEUBAUGEBIET SORGEN FÜR UNSTIMMIGKEITEN

Beim Vor-Ort-Termin auf der alten Mülldeponie bei der Grillhütte schon nach kurzer Zeit entdeckt: Medikamentenverpackungen teilweise noch mit Pillen und Farbeimerdeckel zwischen dem Getreide. Dort, in Nachbarschaft zur Grillhütte, soll, so Umweltaktivist Günther Martin eine Ausgleichsfläche entstehen, sie rage bis in ein bestehendes Biotop von Eidechsen hinein.
© strauch/archiv

KETSCH. Erneut – wie beim Schütte-Lanz-Areal in Brühl und der Dammsanierung in rohrhof – sind es Eidechsen, die bei einem Bauvorhaben Stein des Anstoßes werden. Der Ketscher Umweltaktivist Günther Martin kritisiert die Ausweisung von Ausgleichsflächen für das Baugebiet Fünfvierteläcker. „So wie wir die Pläne kennen, sollen die Zauneidechsen von dem geplanten Baugebiet in einen Ersatzlebensraum beim alten Schuttloch hinter der Grillhütte umgesetzt werden“, erklärt er, „aber dieses Gebiet wurde doch erst vor wenigen Jahren von den Pfadfindern und dem Umweltbeauftragten erfolgreich zu einem Eidechsenbiotop umgestaltet“.

Nachweislich hätten sich auf dem Areal Eidechsen auf natürlichem Weg angesiedelt, wie auch bei einer Begehung zusammen mit dem Umweltstammtisch und Thomas Kuppinger vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) festgestellt worden sei. „Wenn hier Eidechsen leben, dann hat sich die Population der Nahrung angepasst – noch mehr können hier von dem Nahrungsangebot nicht leben“, erklärt Martin. Und dass es sich bei dem Areal um ein Biotop handele, zeige schließlich auch das am Eingang extra aufgestellte Schild.

„Meint wohl andere Flächen“

Auch weitere Ausgleichsmaßnahmen kritisiert Martin, weil dort bestehende Lebensräume zerstört werden oder worden seien, um Ausgleichsflächen zu schaffen. „Neue Lebensräume schafft man, wenn man intensiv genutzte, abgeräumte landwirtschaftliche Flächen verwildern lässt“, sagt er, „doch in den vorgesehenen Arealen gibt es Bereiche, in denen nicht nur Eidechsen, sondern auch Feldlerchen und viele andere Pflanzen und Tiere leben“.

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„Wir haben in allen Bereichen korrekt in Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen gehandelt“, erwidert Bürgermeister Jürgen Kappenstein auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Fachstellen des Landes hätten die ausgewiesenen Ausgleichsflächen erkundet und keine Eidechsenpopulation festgestellt. „Wir haben das zusammen mit dem von uns beauftragten Fachbüro und den Experten aus dem Regierungspräsidium abgeklärt – da gibt es keine Eidechsen“, bekräftigt Kappenstein mit Nachdruck. „Offensichtlich meint der Herr Martin eine ganz andere Fläche“, erklärt der Rathauschef verärgert, „er muss endlich einmal verstehen, dass wir unsere Arbeit ordentlich machen“.

Auf den Vorwurf angesprochen, erklärt Günther Martin, dass seine Erkenntnisse aus einer Karteneinsicht stammten. „Wenn ich falsch liegen würde, wäre ich froh“, erklärt er, zeigt sich aber doch verwundert, warum er aus dem Rathaus noch keine Antwort auf seine vor mehr als einem Monat eingereichte Anfrage erhalten habe und auch seit noch längerer Zeit auf detaillierte Pläne und Projektbeschreibungen für die Ausgleichsfläche warte. „Er kann jederzeit gerne zu mir in die Sprechstunde kommen, dann erkläre ich es ihm so, das auch er es versteht“, entgegnet der Verwaltungschef deutlich ungehalten gegenüber unserer Zeitung, „mehr sage ich nicht mehr zu diesem Thema“.

Martin zeigt Unverständnis, schließlich gehe es doch um keine Geheimsache. Warum könne man nicht, so sein Vorschlag, zusammen mit dem Umweltstammtisch, der ebenfalls eine Anfrage gestartet habe, anderen Interessierten und einem Mitarbeiter des Rathauses, der mit dem Thema vertraut ist, einen Termin vor Ort machen, um die Erkenntnisse abzugleichen. So aber könne doch schnell das Gerücht aufkommen, „da irgendwas getrickst werden soll“, so Martin, „und so einen Verdacht will doch niemand im Raum haben“.

Gefährliche Überbleibsel?

Dann könne man auch gleich ein weiteres Thema ansprechen, denn auf der alten Mülldeponie, die ebenfalls zur Ausgleichsfläche werden soll, würde zwischen dem Getreide, das für den Verzehr bestimmt ist, immer wieder Müll aus dem Untergrund nach oben befördert.

„Bei der Begehung haben wir sogar mehrere alte Medikamentenverpackungen, teilweise sogar noch mit Tabletten, gefunden – wir haben sie eingesammelt und entsprechend entsorgt“, erinnert sich Günther Martin. Aber er vermutet, dass da noch viel mehr im Untergrund schlummert. Und schon nach kurzer Zeit entdeckt er auch gestern zwischen dem sprießenden Getreide eine alte Medikamentenverpackung und einen Farbeimerdeckel.

„Werden diese Medikamente und Schadstoffe, etwa Farbreste, die ebenfalls zu sehen sind, nicht von den Pflanzen aufgenommen und werden diese Stoffe nicht in das Trinkwasser ausgespült, das nur wenige hundert Meter entfernt entnommen wird?“, hinterfragt der Umweltaktivist, der auch einen eigenen Acker in unmittelbarer Nähe hat, und lenkt seine Anfrage noch in eine andere Richtung. „Darf dieses Getreide überhaupt für den menschlichen Verzehr genutzt werden?“

© Schwetzinger Zeitung, Mittwoch, 22.05.2013

 

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